Wieder mal Weeze

Lübeck ist im van-Bebber-Fieber, hat fast schon die Weeze-Masern, jedenfalls wenn man der offiziös veröffentlichten Meinung traut. Carsten Stier von der Lübecker FDP in einer Pressemitteilung:

„Warum fängt Lübeck nicht an?“, so fragt Herr Ludgar [sic!] van Bebber, der Flughafenchef von Weeze. Er wundert sich zu Recht über die „Lübecker Verhältnisse“. Der Erfolg in Weeze gibt Herrn van Bebber und seinem positiven Konzept Recht!

Man kann aber auch sehr gute Gründe haben, sich über die Weezer Verhältnisse zu wundern, jedenfalls wenn man etwas näher hinsieht – und Lübeck raten, mit so etwas gar nicht erst anzufangen.

Der Verkehrsflughafen Niederrhein (so der offizielle Name) ist im Prinzip eine Zwei-Mann-Show, bestehend aus dem niederländischen Millionär Hermanus Everardus Buurman (der 99,93% der Anteile am Flughafen Niederrhein hält) und Ludger van Bebber, ursprünglich Geschäftsführer der Kreis Klever Bauverwaltungsgesellschaft und im Zeitraum Oktober 2004 bis Juni 2005 an die Flughafen Niederrhein GmbH „ausgeliehen“, bevor er dann endgültig die Seiten wechselte.

Haben und nicht haben

Eins vorweg: das hier soll keine umfassende Analyse der Weezer Verhältnisse sein, aber immerhin einige Eindrücke vermitteln und vor allem Unterschiede zu Lübeck aufzeigen.

Die fangen damit an, daß der Flughafen Niederrhein (inklusive des Grundstücks, auf dem er sich befindet), de facto Herrn Buurman gehört. Dadurch sind Immobiliengeschäfte möglich, die nicht unbedingt mit dem Flugbetrieb zusammenhängen. Tatsächlich kränkelte der lange Jahre vor sich hin, sodaß es Gerüchte gab, Buurman könne den Platz stattdessen als Kiesgrube nutzen. Er könnte es vielleicht sogar immer noch.

(In Lübeck liegt der Fall anders: das Flughafen-Grundstück gehört der Stadt und nicht der Flughafen Lübeck GmbH. Die gehört im Moment zwar auch der Stadt, aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Selbst ex-Investor Infratil war während seiner Probephase in Lübeck lediglich Pächter des Geländes. Zudem hat sich die Stadt, wohl auch durch ihr kommerzielles U-Boot KWL, etliche Flächen rund um den Flugplatz unter den Nagel gerissen.)

Das Niederrhein-Konglomerat

Wer sich ein wenig im elektronischen Bundesanzeiger umsieht, wird mit Erstaunen feststellen, daß im Umkreis der Flughafen Niederrhein GmbH inzwischen ein ganzes Geflecht von Gesellschaften existiert, die wohl irgendwie alle zusammenhängen dürften:

  • Flughafen Niederrhein Logistik,
  • Flughafen Niederrhein Gewerbe,
  • Flughafen Niederrhein Dienstleistung,
  • Airport Gastronomie GmbH, sowie die
  • FN Grundbesitzgesellschaft I mbH & Co. KG.

Die Eigentumsverhältnisse sind aus den vorliegenden Dokumenten nur teilweise ersichtlich; sie haben aber außer der Anschrift (Weeze, Flughafen-Ring 60) eines gemeinsam: Geschäftsführer sind entweder Hermanus Everardus Buurman oder Ludger van Bebber. Es stellt sich natürlich die Frage, ob hier Aufgaben (oder noch mehr?) aus der eigentlichen Flughafengesellschaft ausgelagert werden – und warum.

Immerhin kann man in den Bilanzen dieser Ableger jeweils folgenden Standardsatz finden:

Die Gesellschaft ist eine „kleine“ Kapitalgesellschaft im Sinne des § 267 HGB. Dies hat unter anderem zur Folge, dass die Gesellschaft nicht verpflichtet ist, einen Lagebericht aufzustellen (§ 264 Abs. 1 Satz 3 HGB).

Schade! Weitere Aufklärung kann ich also in diesem Fall nicht anbieten. (Der Zugriff auf Handelsregistereinträge im Internet ist leider selbst bei dem gemeinsamen Registerportal der Bundesländer ziemlich teuer, ganz zu schweigen von Wirtschaftauskunfteien. Und womöglich helfen die auch nicht weiter.)

Wozu Leute anstellen, wenn man sie leihen kann?

Etwas offensichtlicher sieht es bei der Agello Service GmbH in Goch aus (keine 8 Kilometer Luftlinie vom Flughafen Niederrhein entfernt), und da kommen wir dem Geheimnis des Flughafens doch noch ein wenig näher.

Wie schon erwähnt, beschäftigt die eigentliche Kerngesellschaft Flughafen Niederrhein wesentlich weniger Angestellte als ihr Pendant in Lübeck, obwohl in Weeze mehr Passagiere abgefertigt werden. Kein Wunder: der Flughafen Niederrhein beschäftigt (nachweislich jedenfalls im Gastronomiebereich) überwiegend Arbeitskräfte des „Personaldienstleisters“ Agello – mit anderen Worten: Leih- bzw. Zeitarbeiter.

Die Gesellschaft zahlt nicht viel, aber immerhin besser als es der Tarif der Dehoga [Deutscher Hotel- und Gaststättenverband] vorsieht. Der liegt für Gastronomie-Helfer bei 7,23 Euro pro Stunde, Agello entlohnt aber alle Helfer, die länger als acht Monate dabei sind, mit mindestens acht Euro,

berichtete die NRZ am 31.03.2010. Sie vergaß leider zu erwähnen, wie viele Mitarbeiter tatsächlich über acht Monate dabei sind, und wie viel sie zuvor verdienten. Zudem sucht die Agello GmbH (sogar auf der Website des Flughafens, abgerufen am 16.11.2010) auch noch

für die Urlaubszeit im Herbst 2-3 Personen, die sich in den frühen Morgenstunden, im Bereich Autoparking Airport Weeze, auf 400€ Basis etwas dazuverdienen möchten. Es handelt sich um Einweisung der ankommenden PKWs.

Und wer steckt dahinter?

Ein ganz besonderen Dreh bekommt die Sache, wenn man sich die Eigentumsverhältnisse der Agello ansieht. 20% hält deren Geschäftsführer Sebastian Gilleßen, Sohn eines früheren Klever Kreiswirtschaftsförderers. Jeweils 40% halten (so eine Überraschung) Hermanus Everardus Buurman und Ludger van Bebber.

Agello hat auch noch einen Ableger, die Agello Aviation Service GmbH, und man braucht nicht viel Phantasie, um sich das Einsatzgebiet der von diesem Unternehmen vermittelten Arbeitskräfte vorzustellen. Tatsächlich jubelt Agello auf seiner Website selbst (zitiert wie vorgefunden):

„Jobs am Airport Weeze“ als Premiumpartner des Airport Weeze haben wir den direkten Draht zum Flughafen!

Ach nee. Das hätte ich jetzt echt nicht gedacht.

Die putzige Parkplatz-Affäre

Noch abenteuerlicher ist die mysteriöse Geschichte rund um einen Parkplatz außerhalb des Flughafengeländes. Wie wohl bei den meisten Flughäfen ist auch in Weeze die Umgebung zeitweise mit Kraftfahrzeugen vollgeparkt – so sehr, daß Spötter schon vermuteten, der nächste Flughafenableger würde wohl eine „Agello Abschleppservice GmbH und Co. KG“ werden.

Für ein als Parkplatz nutzbares Gelände am Holtumsweg gab es einen Investor, der mit dem Flughafen nichts zu tun hatte. Plötzlich taucht ein anderer Investor auf, machte offensichtlich ein besseres Angebot – die Rede ist von 200 000 Euro mehr – und erhält den Zuschlag. Er vermietet jedoch das Grundstück (noch so eine Überraschung!) an die Flughafen Niederrhein GmbH zwecks Nutzung als Parkplatz.

Bei dem Investor, der den Zuschlag erhielt, handelt es sich um die Airport Parking GmbH, Goch. Vertretungsberechtigt ist ein Philip Janßen, der auch 75,1% der Anteile hält. Besteht da womöglich eine Airport-Connection? Aber immer! Ludger van Bebber hat damit laut kleveblog.de kein Problem:

Natürlich steht der in einem Zusammenhang, der ist hier ein Berater. … Er berät uns in finanziellen Fragen. Er ist bei PriceWaterhouseCooper gewesen, er macht bei uns Financing/Modelling et cetera et cetera, und wir sind glücklich gewesen, dass wir einen Zugriff auf dieses Grundstück haben.

Das Ziel: nur wir dürfen am Flughafen verdienen, notfalls muß es eben ein Stellvertretergeschäft richten, obwohl van Bebber es etwas anders ausdrückt:

Selbstverständlich lassen wir es nicht zu, dass Wertschöpfungsketten von uns abgesaugt werden, die wir dringend benötigen, das ist doch gar keine Frage.

Ketten absaugen? Etwas verständlicher müßte es heißen, „wir lassen es nicht zu, dass andere uns ins Geschäft pfuschen und Geld verdienen“.

Übrigens domiziliert Diplom-Kaufmann Philip Janßen in Goch, Mühlenweg 9, wie sich unschwer im Internet feststellen läßt (auch wenn seine eigene Website derzeit keine Inhalte zu enthalten scheint). Und wieder so eine Überraschung: seine Adresse ist die selbe wie die der Agello Service GmbH. Zufälle gibt’s!

Zurück an die Trave

Damit wollen wir unseren Besuch in und um Weeze beenden und stattdessen die Lübecker Bebber-Bewunderer von den Lübecker Nachrichten bis zur FDP fragen: ist das Modell Weeze wirklich das, was Sie hier verwirklicht sehen wollen?

Im LN-Interview kommt Herr van Bebber, der ansonsten nur belanglose Gemeinplätze absondert, der Realität immerhin einmal halbwegs nahe:

Im Geschäftsleben drückt jeder die Preise, der einkauft. Ryanair hat ein Geschäftsmodell, das günstige Preise erfordert. Dazu muss der Flughafen sehr schmal und effizient aufgestellt sein, damit man am Ende ein vernünftiges wirtschaftliches Ergebnis hinbekommt.

Und was soll das wohl heißen? Ein undurchschaubares Firmenkonglomerat. dessen „schmales und effizientes“ Geschäftmodell jedenfalls zum Teil auf Leiharbeitern und Nebenverdienern fußt, die man in eine oder mehrere separate Firmen auslagert?

Ein Modell, das im übrigen – operativer Gewinn hin oder her, der lenkt von den fundamentalen Daten bloß ab – in die Insolvenz geführt hätte, wenn nicht der Hauptkreditgeber (der Kreis Kleve) die Rückzahlung eines Darlehens auf sechs Jahre gestundet hätte?

Was wäre, wenn…

Sicherlich, Herr van Bebber ist zum Glück an Lübeck nicht sonderlich interessiert, wie auch kleveblog.de schon analysierte.

Trotzdem: ich kann mir die Aufregung (gerade in der hiesigen Monopolpresse – und das sogar zurecht) kaum vorstellen, sollte ein Investor tatsächlich den Flughafen Lübeck übernehmen und ihm ein ähnliches Geschäftsmodell überstülpen – was in diesem Fall die Entlassung etlicher Flughafenmitarbeiter und deren Ersatz durch Leiharbeiter bedeuten müßte, so ähnlich wie bei gewissen Textil- und Drogeriediscountern. Anders würde es wirtschaftlich kaum funktionieren, aber sind das denn die tollen Arbeitsplätze, die der wartenden Öffentlichkeit versprochen wurden?

(Für Detailverliebte: Herr van Bebber betont, daß er in Weeze das Schlecker-Modell nicht kopiert hat, also keine Angestellten in Leiharbeiter umgewandelt hat. Das trifft sicherlich zu, ist aber auch kein Wunder. Man hat schließlich ein von den Briten komplett aufgegebenes Militärfluggelände übernommen, nicht ein laufendes städtisches Unternehmen wie die Flughafen Lübeck GmbH mit vorhandenen Angestellten.)

Sackgasse Flughafen

Ein Realitäts-Check wäre mehr als angesagt. Nochmal: ist das wirklich gewollt? Gerade die Lübecker SPD, deren Haltung immer noch relativ schwankend zu sein scheint, sollte sich das Modell Weeze einmal genauer ansehen. Noch hat man den Eindruck, Teile der Partei halten weiter an dem Irrglauben fest, es müsse sich nur ein Investor für den Flughafen finden, und die Probleme wären mit einem Schlag gelöst. Aber möglicherweise gehen sie dann erst richtig los.

Ja, ich weiß. Da ist noch der Herr Bürgermeister und sein Take-Off-Konzept, in dem de facto die Stadt (uii…!) den Flughafen betreibt und an einen Betreiber verpachtet. Knallharte Geschäftsleute wie das Duo Buurman/van Bebber dürfte so ein Modell, in dem sie letztlich wenig zu bestimmen haben (und in dem ein anderer, die Stadt, womöglich mitverdient), kaum interessieren. Wenn die Stadt hier aber nicht mitverdient, sondern im Gegenteil noch Geld hineinsteckt, dann subventioniert sie ganz offensichtlich ein Privatunternehmen.

Es ist fast wie die Wahl zwischen Pest und Cholera: entweder Leiharbeiter-Kapitalismus mit 400-Euro-Kräften oder aber Dauersubventionen von Stadt und Land. Da sollte man sich vielleicht doch etwas ganz anderes ausdenken, liebe SPD. Kleiner Hinweis: es muß nichts mit Luftfahrt und schon gar nichts mit Ryanair zu tun haben. Obwohl es mit Kiesabbau in Lübeck-Blankensee zugegebenermaßen schwierig werden dürfte.