Wen wollen die eigentlich verarschen?

Netter Fund in der Abendstunde: die Webseite der PuRen Aviation. Nein? Doch! Ohh!! Dort liest man, wie man sich in China den Erwerb einer privaten Pilotenlizenz – PPL(A) – vorstellt. Und jetzt raten Sie mal, warum diese ominöse Ausbildung (die man im Prinzip in drei Monaten durchziehen könnte) bis zu zwölf Monate dauern soll. Die chinesischen Flugschüler sollen erst mal Englisch lernen – in Lübeck oder Umgebung, versteht sich. Zum Totlachen.

Die Webseite liegt auf Englisch und Chinesisch vor; ich habe mir die chinesische Version vorgenommen (schließlich wendet man sich an chinesische Interessenten, die offenbar nur wenig Englisch sprechen). Die Seite habe ich mir bei Google und Microsoft jeweils auf deutsch und auf englisch übersetzen lassen; das folgende ist eine Synthese aus diesen verschiedenen Versionen.

In der Ankündigung vom 26. März 2015 findet sich erst mal das übliche: Bewerber dürfen keine Vorstrafen haben, müssen diverse medizinische Untersuchungen nachweisen usw. Die eigentliche Pilotenausbildung soll vier Monate dauern und mindestens 50 Flugstunden umfassen – das ist nicht überraschend, da 45 Stunden hierzulande ohnehin vorgeschrieben sind. Theoretischer Unterricht: das normale Programm.

Der Knüller: je nach Englischkenntnissen der Flugschüler sind Sprachkurse von vier bis acht Monaten Dauer vorgeschaltet (man weiß aus früheren Ankündigungen, daß die Ausbildung für die Lizenz auf Englisch vor sich gehen soll). Und das soll alles irgendwo in Lübeck und/oder Umgebung geschehen. Klar, in China gibt es keine Englischlehrer, wohingegen man bei uns ze best Inklish in ze vorld speaks. Wer braucht da noch die USA mit ihren hunderten von Flugschulen und Englisch-Muttersprachlern (na ja, halbwegs), die zudem noch in klimatisch wesentlich günstigeren Gegenden liegen? (Siehe auch die Ausführungen des wie immer ahnungslosen Flughafen-Teilgeschäftsführers.)

Die hiesige Unterbringung der Flugschüler soll wohl nicht gerade in Luxusappartements stattfinden. Die widersprüchlichen automatischen Übersetzungen interpretiere ich so, daß es sich um Zweibettzimmer der Drei-Sterne-Kategorie handelt (Einzelzimmer gegen Aufpreis). Ansonsten sei fast alles drin im Preis: Unterbringung, Ausbildung, Versicherung, Visum, Flug von und nach China, Verpflegung, Heizung. Nein, bei uns muß keiner frieren.

Und der Preis? Auch da sind die Übersetzungen inkonsistent und reichen bis zu 57 Millionen Yuan für das 12-Monate-Paket, was allerdings eher unwahrscheinlich erscheint, entspräche das doch 8,65 Mio. Euro. (Für eine Unterbringung im Zweibettzimmer?) Geht man stattdessen von 570,000 Yuan aus, wären das 86,500 Euro. Zieht man den Preis der Lizenzausbildung davon ab (bei der ebenfalls in Blankensee operierenden Flugschule FTO Nord gibt man etwas über 15,000 Euro als Mindestkosten an), käme man auf rund 71,000 Euro – oder knapp 6,000 Euro pro Monat. Nicht schlecht für ein Zweibettzimmer und einen Englischkurs. Aber wer weiß? Es gibt sehr viele Menschen in China, etliche mit Geld. Vielleicht fallen sie ja darauf rein. Was die während der zwölf Monate in Deutschland allerdings sonst so machen wollen, denn man kann ja schlecht rund um die Uhr Englisch büffeln oder Platzrunden drehen, bleibt unklar.

Illegale Taxiflüge in China vorprogrammiert?

Mit der Ankündigung tritt ein weiteres Problem dieses „genialen“ Plans deutlich zutage. Mehrfach wird erwähnt, daß es sich hier um eine Ausbildung zur Erlangung einer Privatpiloten-Lizenz handelt. Während die deutsche Übersetzung bei den PuRen-Plänen von einer „Berufsausbildung“ spricht, lautet die englische Version „professional training“, was sich auch anders interpretieren läßt.

Aber egal: die Flugschüler aus dem Reich der Mitte dürften es schwer haben, überhaupt ein Visum zu bekommen (selbst der Flughafen„investor“ hatte Probleme damit). Für Touristen ginge das schon, aber nur für jeweils 90 Tage innerhalb eines 180-Tage-Zeitraums. Einfacher wäre es bei einem Hochschulstudium, aber nur weil sich das anbietende Unternehmen „Flight Academy“ nennt, ist es noch lange keine Universität. Das fällt also auch flach.

Bliebe die betriebliche Ausbildung – darunter versteht man eigentlich das, was man früher „Lehrstelle“ genannt hat. Darum geht es hier aber auch nicht; und selbst bei wohlwollendster Interpretation bräuchte man in jedem Einzelfall vor Erteilung eines Visums die Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit, die prüfen muß, ob für eine konkrete (!) Ausbildungsstelle an einem deutschen Betrieb (!) nicht Bewerber aus Deutschland oder der EU vorrangig zu behandeln wären.

Und natürlich handelt es sich hier nicht um eine wie auch immer geartete Berufsausbildung, wie die Bezeichnung Privatpiloten-Lizenz schon subtil nahelegt. Es gab in den letzten Jahren sogar Streit darum, ob PPL-Inhaber in Europa überhaupt bis zu drei Passagiere gegen Unkostenerstattung („Selbstkostenflüge“ ohne Gewinnabsicht also) mitbefördern dürften.

Mag sein, daß man das in China anders sieht – vermutlich hoffen viele PPL(A)-Anwärter darauf, in China auch gewerblich tätig zu werden, ob das dort nun gestattet ist oder nicht. Ob so eine Lizenz in China gewerblich genutzt wird oder nicht, dürfte bei der Erteilung eines deutschen Visums jedenfalls keine Rolle spielen.

Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja auch in diesem Fall wohlmeinende Provinzpolitiker, die irgendwo am einen oder anderen Rädchen zu drehen versuchen. Vielleicht erklärt eine Gemeinde im Lauenburgischen, oder eine Hansestadt gar, die Flugschüler für die Dauer ihres Aufenthalts allesamt zu städtischen Praktikanten, oder die Chensche Flugschule kurzerhand zur Luftfahrt-Universität?

4 Gedanken zu „Wen wollen die eigentlich verarschen?“

  1. Sind die unsäglichen und fehlkonstruierten Sprachprüfungen für Piloten nicht mal wegen Vorkommnissen mit asiatischen Piloten erfunden worden? (Die dann alle per Lizenz und Verordnung alle zu perfekten Englischkenntnissen gekommen sind) Ich stelle mir mal lieber mal nicht vor, was eine Horde frisch englischgelernter Flugschüler im Funk des Flughafens anrichtet.

    1. Hier muß man wohl unterscheiden. Einerseits gibt es die ICAO Language Proficiency Requirements, kurz ICAO4, sog. „Flieger-Englisch“ mit einem auf die Luftfahrt zugeschnittenen, standardisierten Vokabular inklusive Aussprache (z.B. „tree“ statt „three“). Das bietet PuRen als Teil der theoretischen Ausbildung an, weil’s halt zur Lizenz gehört. Entsprechende Kurse werden im Internet angeboten und versprechen ICAO4 in nur 90 Tagen ohne jegliche Englisch-Vorkenntnisse – ich kann deren Seriosität nicht beurteilen. Ob das die Privatflieger, die dereinst den unteren Luftraum über China bevölkern sollen, dort überhaupt brauchen, sei dahingestellt.

      Die andere Sache ist der vorgeschaltete Englisch-Kurs von vier bis acht Monaten Dauer (je nach Vorkenntnissen). Der wird alleine deswegen notwendig, weil die gesamte Ausbildung ja auf Englisch und nicht auf chinesisch stattfinden soll. Was soll’s; etwas anderes wird von PuRen eben nicht angeboten, aber da steckt keine Vorschrift dahinter. Schaden kann gutes Englisch nicht, nur wieso man das ausgerechnet für teures Geld in Deutschland lernen soll, erschließt sich mir nicht. Aber vermutlich denke ich zu logisch. Zielgruppe sind ja offenbar doch Leute, die Geld verschleudern können/wollen. Wenn man die Knete schon hat, warum gibt man sie nicht in einem englischsprachigen Land aus, wo man rund um die Uhr von der Sprache umgeben ist? Besser als jeder Intensivkurs.

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