Wer den Stöcker hat, braucht für den Schaden nicht zu sorgen

Hoppla. Euroimmun-Chef Prof. Dr. Stöcker, nebenbei ehemaliger Möchtegern-Betreiber der Lübecker Landewiese, hat gerade eben mit kruden fremdenfeindlichen Äußerungen gesellschaftlichen Selbstmord begangen. Bekanntlich ist der Herr Professor ein Universalgenie – nicht nur Mediziner und Konzernchef, sondern auch begnadeter Architekt, verhinderter Opernsänger, innovativer Marmeladenproduzent und kreativer Osterei-Bemaler. Außerdem ist er Besitzer eines Kaufhauses in Görlitz, und um das geht es in der neuesten Stöcker-Affäre. Ein geplantes Benefiz-Konzert zugunsten von Flüchtlingen im derzeit noch weitgehend ungenutzten Konsumtempel sagte der Poltergeist vom Blankensee kurzerhand ab mit der Begründung, man solle alle Afrikaner gefälligst dorthin zurückschicken, wo sie herkämen. Überhaupt alle Ausländer. Auch die ausländischen Mitarbeiter von Euroimmun. Fußstampf.

Ich empfehle jedem, der in anderen Medien Zusammenfassungen gelesen hat, zunächst das komplette Interview im Original, das der Herr Professor der Sächsischen Zeitung gegeben hat. Nicht, daß das ein einmaliger Fauxpas gewesen wäre – angefragt hat die Zeitung aufgrund von vorhergehenden ähnlichen Äußerungen Stöckers im Rundfunk. Das Interview der SZ wurde per Email geführt, so daß die mögliche Ausrede, die Äußerungen seien dem Herrn Professor mündlich im Eifer des Gefechts „rausgerutscht“, nicht zieht.

Los geht‘s.

Ich habe die Veranstaltung in meinem Kaufhaus untersagt, weil ich den Missbrauch unseres Asylrechtes nicht unterstützen will. … In jedem Fall missbrauchen es die Afrikaner, die ungebeten übers Mittelmeer zu uns gelangen. Ich würde sie sofort wieder nach Hause schicken, dann lassen die nächsten solche gefährlichen Bootstouren bleiben, und keiner ertrinkt mehr …

Und ob Flüchtlinge das Asylrecht mißbrauchen, entscheidet wer? Herr Prof. Dr. Stöcker? Klar!

Mir sind aber so viele ausländische Flüchtlinge nicht willkommen.

Der Fragesteller der SZ weist darauf hin, daß wir „in einer Welt mit vielfältigen Kultur- und Handelsbeziehungen [leben]. Muss man nicht versuchen, sich auch über die Grenzen des eigenen Dorfes hinaus gegenseitig zu helfen?“

Eine gute Frage, denn Stöckers Euroimmun unterhält zahlreiche Niederlassungen im Ausland,

zum Beispiel in China (Peking, Hangzhou), Brasilien (São Paulo), Frankreich (Bussy-Saint-Martin), Großbritannien (Wimbledon), Italien (Padua), Kanada (Mississauga), in Polen (Wrocław), in der Schweiz (Luzern), in Singapur, Südafrika (Kapstadt), Brasilien (Porto Alegre), in der Türkei (Istanbul) und in den USA (New Jersey).

Die Firma ist zweifellos Profiteur der Globalisierung. Doch statt darauf auch nur ansatzweise einzugehen, poltert Stöcker:

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen am Abendbrottisch, und dann kommen drei solche Kerle und sagen, sie wollen mitessen. Das wollen Sie doch auch nicht!

Was für Kerle? Einen Hinweis auf gerade zu Weihnachten angesagte Nächstenliebe kontert Stöcker mit:

Ach, Weihnachten! Hören Sie auf mit dem Firlefanz!

Aber nicht nur die Afrikaner sind unerwünscht, auch die Türken, die sich offenbar dazu verschworen haben, Deutschland – wie perfide! – auf biologischem Wege zu erobern. (Warum eigentlich?)

[S]ie haben nach meiner Auffassung kein Recht, sich in Deutschland festzusetzen und darauf hinzuarbeiten, uns zu verdrängen, darauf läuft es hinaus, wenn nicht gegengesteuert wird! … Viele Türken kommen auf einer Einbahnstraße in unser Land, indem die Eltern ihre Kinder ganz gezielt in Richtung Deutschland verheiraten, es heiratet niemand in die andere Richtung. Und heute sind es schon zehn Prozent Türken in den Städten, warten Sie einmal 50 Jahre ab, dann haben sie bei uns die Mehrheit…. Ich will aber kein neues Mittelalter in meiner Heimat und in 50 Jahren keinen Halbmond auf der Görlitzer Frauenkirche oder auf dem Kölner Dom.

Nein, das alte, echte Mittelalter, in dem der Herr Professor zu leben scheint, ist ihm wohl gut genug. Er braucht kein neues. Platte Stammtischparolen vom Halbmond, der bald über dem Lübecker Rathaus wehen würde, habe ich übrigens schon vor dreißig Jahren gehört. Vermutlich gab es sie schon vor hunderten von Jahren (Kreuzzüge). Die Zahlen haben es damals nicht hergegeben, und sie geben es heute auch nicht her.

Die Ausländer, die bei Euroimmun arbeiten, würde Stöcker

am liebsten zurück in ihre Heimat schicken, auf freiwilliger Basis, verbunden mit finanziellen Anreizen, wie der weitsichtige Kanzler Kohl das einst geschafft hat. Ich will nicht, dass uns am Ende Deutschland weggenommen wird.

War das jetzt die vorgezogene Bewerbungsrede für den NPD-Parteivorsitz? Oder gar Schlimmeres?

Flüchtlingsschicksal

Angesichts der Vita des Herrn Professors sind seine Äußerungen um so verwunderlicher. Er wurde 1947 in der Oberlausitz geboren, und seine Eltern flüchteten mit ihm 1960 aus der DDR nach Bayern,

als der Vater zunehmend als „Kapitalist“ in einem schlechten Licht gesehen wurde und die Bedingungen immer schwieriger wurden.

Von Lebensgefahr keine Rede, nur von einem „schlechten Licht“ und schwierigen Bedingungen. Doch welchen Ratschlag gibt der Herr Professor anderen Flüchtlingen heute?

[J]eder Mensch muss auch seinen Pflichten nachkommen. Jedes Volk muss sich seiner Peiniger und Tyrannen selbst entledigen.  Jeder wehrtaugliche Mann in Syrien muss seine Familie schützen. … Die Menschen müssen sich trotzdem selbst organisieren und sich selbst helfen.

Gut gebrüllt, Löwe. Würde er den selben Ratschlag seinen Eltern erteilt und von der Flucht aus der DDR abgeraten haben? Hätten sie den damals 13jährigen Winfried dort lassen sollen, damit er sich im „wehrtauglichen“ Alter der Diktatur widersetzt?

Es kommt selbstredend noch besser. Der Herr Professor, „der feinste französische Krawatten liebt, edle Anzüge und aparte Hemden“, ist „mit einem Privatflugzeug unterwegs zwischen seinem Firmensitz in Lübeck und seinen 14 Niederlassungen weltweit“. Ansonsten „gleitet [er] mit einer schwarzen Limousine durch die Dörfer“. Für sein Kaufhaus will er Luxusmarken heranziehen: „Hermés, Brioni, Gucci und Cerruti“. Alles deutsche Marken, oder?

An die eigene (Lang-)Nase fassen

Ob er seinen „Ausländer raus“-Aufruf auch auf seine attraktive Lebensgefährtin Qianqian Chen – eine gebürtige Chinesin – bezieht, vermag ich nicht zu beurteilen. (Hier sehen Sie das traute Paar beim Marmeladekochen.) Oder auf seine Ex-Frau Lei Zhou, „die sich um die architektonische Seite des Kaufhausprojekts kümmert“? Will er die auch nach einer Schamfrist nach Hause schicken, wo er schon von Einbahn-Heiraten spricht? Hat er vielleicht Nachkommen, Verwandte, die nach China auswandern, um dort zu heiraten?

Und was sagt er eigentlich dazu, daß über dem von ihm so geliebten (und wohl auch genutzten) Flughafen Lübeck das Banner Chinas weht? Wann will er den Flughafenbetreiber, das Ehepaar Chen (die Namensgleichheit mit Stöckers Lebensgefährtin ist wohl nur ein Zufall), das sich neueren Berichten zufolge im Lauenburgischen niederlassen will, wieder nach Hause schicken? Und die anderen rund 70.000 gebürtigen Chinesen, die in Deutschland leben?

P.S.: Grundgesetz, Artikel 3, (1) „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“  Alle Menschen, nicht alle Deutschen.

3 Gedanken zu „Wer den Stöcker hat, braucht für den Schaden nicht zu sorgen“

  1. Danke Herr Cordes für Ihren Text, auch meine Vorfahren wurden verfolgt und vertrieben. Die Aussagen von Stöcker machen mich fassungslos und traurig, dass in einem derartig wohlhabenden und reichen Land solche Aussagen von der vermeintlichen „Elite“ gemacht werden.

  2. Das Schicksal der „Neger“ erinnert mich an das meiner Mutter. Die ist auch übers Meer gekommen und hat den Menschen dort, wo sie angelandet ist, was weggenommen. War wohl nicht viel, eine Wolldecke und ein Kanten Brot vielleicht . Und ein Platz in einer Nissenhütte. Und ob das so nötig war, frage ich mich heute auch, wo die Rote Armee doch alle befreit hat. Und dann war auch noch kein Platz auf dem Vergnügungsdampfer „Wilhelm Gustloff“. Hätt‘ man doch auch dableiben können. Oder – ach, sie war ja kein wehrfähiger Mann – die Sache selbst in die Hand nehmen, und die „Stadt von Tyrannen befreien!“ – „Das sollst Du im Mare Nostrum bereuen!“
    Diese Reiselust hat sie mir aber offenbar vererbt, und so bin ich auch fast jeden Tag im Dienst irgendwo Ausländer – wie übrigens ca. 80% meiner Fluggäste an Bord auch Undeutsche sind, darunter sogar Menschen anderer als weißer Hautfarbe !!!.
    Nicht wahr, Herr Professor, man lebt doch ganz gut von der Verflechtung der Welt, oder heisst Ihre Firma „Germania-Immun“ oder eher „Giermania Immun?“

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