Lauenburger Hofberichterstatter in Peking

Was soll das denn nun schon wieder? „Thiede unterstützt Flughafenbetreiber“, titelt die Lauenburger Lokalredaktion unserer hiesigen Monopolpresse, und der Artikel hat es in einer gekürzten Version unter dem Titel „Lauenburg unterstützt Airport-Chef“ auch in die Lübecker Lokalausgabe geschafft. Er wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Vor allem über unabhängigen(?!) Journalismus. Ein Stück aus dem Tollhaus.

Los geht der Beitrag mit der Ortsmarke „Peking/Lauenburg“ – hui, wie international! – und damit, daß der Lauenburger Bürgermeister Andreas Thiede (CDU) derzeit in China weilt. Keine Neuigkeit, denn manchmal hat man den (sicherlich täuschenden) Eindruck, daß er dort mehr Zeit verbringt als in Lauenburg.

Er möchte Yongqjang Chen, neuer Besitzer des Lübecker Flughafens, unterstützen, endlich sein Visum für Deutschland beantragen zu können. Bisher war der Chef der PuRen Group aus Peking damit bei der deutschen Botschaft in China gescheitert.

Lübecker Nachrichten, 25. November 2014, Lokalteil HL, S. 17

Ein Journalist würde jetzt wohl die Frage stellen, warum. Aber um Journalismus scheint es hier weniger zu gehen. Das könnte der Blick in die Lauenburger Lokalausgabe der LN zeigen. Doch der betreffende Artikel ist nur gegen Bezahlung zu lesen, und dafür ist mir mein Geld zu schade. Unter dem immerhin kostenlos anzusehenden Foto (Urheber: Timo Jann) steht folgender Kokolores:

Der neue Besitzer des Lübecker Flughafens, Yongqjang Chen, in seinem Bürogebäude in Peking. Stolz zeigte er Lauenburgs Bürgermeister Andreas Thiede die Stadtfahne von Lauenburg.

(Man sollte denken, Herr Thiede kennt die.) Reine PR eines Provinzpolitikers offenbar, der zuhause Eindruck schinden will. So ähnlich kann man das auch in einer anderen Postille nachlesen, die Herr Jann regelmäßig mit Texten beliefert:

Der chinesische Eigentümer des Lübecker Flughafens Yongqjang Chen trägt sich mit dem Gedanken, auch in Lauenburg zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Das erfuhr unser Mitarbeiter Timo Jann als Mitglied einer Lauenburgr [sic] Reisedelegation nach Peking.

Bergedorfer Zeitung, 23. November 2014

Bislang dürfe Chen nur als Tourist nach Deutschland einreisen, er möchte aber auch beruflich aktiv werden, heißt es dort. Wurde er doch schon, schließlich hat er einen insolventen Flughafenbetrieb aufgekauft, oder nicht? Laut shz vom 23. November 2014 war er zudem den ganzen Oktober über in Lübeck. Auch in Hamburg, wo er am 23. Oktober vor dem Hamburger Notar Peter Schlatermund das Protokoll einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung eigenhändig unterzeichnet hat.

Nun, es kommt noch dicker.

„Ich möchte möglichst bald nach Deutschland kommen, dort arbeiten und leben“, sagte Chen bei einem Treffen mit Thiede.

Lübecker Nachrichten, 25. November 2014, Lokalteil HL, S. 17

Im Schnakenbeker Sandkrughof wolle er einziehen, mit seiner Frau Lou (Weilu Chen). Klingt ja fast nach Exil. Und, ach ja,

Seine Unternehmensgruppe ist 700 Millionen Euro stark.

Was das heißen soll, ist völlig unklar. Für den Laien klingt das, als hätte man das auf dem Konto; vermutlich handelt es sich aber lediglich um den Umsatz, und der sagt nichts über Profitabilität, Guthaben, Schulden etc. aus. Es ist eine reine Null-Angabe.

Aber gerade wenn Herrn Chens Unternehmen so „stark“ ist, wieso will er sich dann – vor Ort – mit einem defizitären Flughafen und anderen, längst nicht spruchreifen Projekten herumplagen und möglicherweise seinen so wahnsinnig „starken“ Konzern vernachlässigen?

Ich würde so etwas fragen; Herr Jann offenbar nicht. Aber vermutlich hat er mit Herrn Chen auch gar nicht gesprochen.

Timo Jann – Journalist, Feuerwehrmann, PR-Texter

Urheber des Beitrags und der Fotos aus Peking ist also Timo Jann. Freiberuflicher Journalist, im Ehrenamt Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Schwarzenbek – eine nicht ganz unumstrittene Kombination, aber googlen Sie das bitte selber; das würde hier zu weit führen.

Offensichtlich war Herr Jann auch in Peking, und da wird man schon fragen dürfen, wer seine vermutlich nicht ganz billige und das normale Budget einer Lokalredaktion wohl übersteigende Reise eigentlich bezahlt hat. Die Lübecker Nachrichten? Die Bergedorfer Zeitung? Herr Thiede? Herr Chen? Herr Jann selbst? Es wäre für die Einschätzung des Artikels äußerst hilfreich.

Eine Suche nach Jann und Thiede im Internet fördert Hofberichterstattung vom feinsten zutage. „Bürgermeister Thiede taucht ab“, so die sensationsheischende Überschrift in der Bergedorfer Zeitung vom 1. Dezember 2012 (Autor: Timo Jann). Um was geht‘s? Beim traditionellen

Neujahrsschwimmen der Deutschen-Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) … wagte sich gestern selbst Lauenburgs Bürgermeister Andreas Thiede in die Fluten der Elbe.

Toll. Oder das hier (Co-Autor: Timo Jann):

Die Zeit, als eine Hiobsnachricht die nächste jagte, scheint vorbei: In Lauenburg herrscht Aufbruchstimmung. Die Steuereinnahmen steigen, neue Firmen siedeln sich an, bilanziert Bürgermeister Thiede.

Bergedorfer Zeitung, 8. Januar 2012

Jubel, Trubel, Heiterkeit. Noch nicht genug? Hier kommt der Ober-Super-Mega-Knaller.

Lauenburg Hoch 3 bringt Bürger, Politik und Verwaltung miteinander ins Gespräch

„Es ist super, dass hier endlich etwas passiert“

Der Prozess der Stadtentwicklung ist in vollem Gang – und Lauenburgs Bürger ziehen begeistert mit.

Überschriften aus einer läppischen PR-Broschüre der Stadt Lauenburg, Ausgabe 2, Mai 2014. Eine Ansammlung von Jubelbotschaften, die so peinlich wohl selbst dem Propagandapparat der Kommunistischen Partei Chinas nicht gelungen wären:

„Gemeinsam wird uns Großes gelingen“

Wo tut sich jetzt schon was in Lauenburg

„Eine Riesenchance für diese Stadt“

„Das ist ja großartig, ich habe noch nie bei so einem Gewinnspiel gewonnen“

Natürlich garniert mit einem Grußwort des Bürgermeisters Thiede. Der ist ausweislich des Impressums auch Herausgeber:

Stadt Lauenburg/Elbe, Bürgermeister Andreas Thiede (ViSdP [Verantwortlich im Sinne des Presserechts]), Amtsplatz 6, 21481 Lauenburg/Elbe

Und wer steht sonst noch im Impressum?

Texte und Fotos: Timo Jann

<Loriot>Ah ja.</Loriot> Journalist Jann verfertigt im Auftrag der Stadt Lauenburg und ihres Bürgermeisters Texte und Fotos für PR-Wohlfühl-Broschüren, und darf gleichzeitig für angeblich unabhängige Tageszeitungen über eben jenen Bürgermeister berichten?

Keine weiteren Fragen, Euer Ehren. Vor allem frage ich jetzt nicht mehr, warum die Mainstream-Medien bis hinunter in den lokalen Bereich immer mehr an Relevanz und Glaubwürdigkeit verlieren.

5 Gedanken zu „Lauenburger Hofberichterstatter in Peking“

  1. Ich bin ja nur gespannt, wie die ganze Sache ausgeht.
    Mal angenommen, die Pläne gehen auf, dass der Herr Chen in Lübeck etwas bewegt und auch Lauenburg von chinesischen Investitionen profitiert, ist dann endlich Ruhe, was die Nörgeleien angeht?
    Warten wir es ab.
    Ich begrüße die Bemühungen, dass in unserer Region endlich etwas versucht wird, um aus dem vorherrschenden Tiefschlaf zu kommen. Aber man kann natürlich auch gegen alles sein bzw. gegen alles bloggen.

    1. Ich glaube, daß die Politik in ihrer wirtschaftsfördernden Rolle weitgehend überschätzt wird, aber daran ist sie vor allem selber schuld, weil sie sogenannte Investoren (die den Himmel auf Erden und vor allem Arbeitsplätze versprechen) umschwärmend auf fast jeden Kokolores reinfällt, den man ihr auftischt. Keine Partei ist davor gefeit.

      Ich hatte schon mal ein kleines Beispiel aus der vorpommerschen Provinz erwähnt: http://blankensee.info/blankensee/?p=5069 Gut gemeint ist eben manchmal das vernichtendste Urteil, das man fällen kann. Die Geschichte geht übrigens noch weiter und wird noch besser, aber da das hier kein Kaviar-Blog ist, lasse ich’s dabei bewenden.

      Ebenfalls ganz niedlich ein Beispiel, das mal wieder Herrn Thiede betrifft.

      50 Millionen Euro hatte die chinesische Jiangsu Sincerity & Credit International Group aus der chinesischen Stadt Haimen 2010 als Investition für Schwarzenbek (Kreis Herzogtum Lauenburg) angekündigt. … Konkret sollte ein Heimtextil-Center mit mindestens 1000 Arbeitsplätzen auf rund 60.000 Quadratmetern entstehen.

      shz, 18. Februar 2012 – online nicht mehr abrufbar

      Die Realität: in einer ehemaligen Aldi-Filiale in Schwarzenbek vertickern insgesamt acht Mitarbeiter Bettwäsche-Garnituren chinesischer Produktion. Wobei ich nicht weiß, ob die Zahl auch die drei chinesischen Geschäftsführer der Firma einschließt.

      Verstehen Sie mich nicht falsch, meine Skepsis richtet sich nicht gegen chinesische oder ausländische Investoren, sondern generell gegen Investoren, denen Provinzpolitikern hofieren, ohne daß das mehr als Ankündigungen zeitigt. Und das teilweise so servil wie bei Herrn Thiede im neuesten Stück seines PR-Schreibers Timo Jann, das leider tatsächlich in einer Tageszeitung veröffentlicht wurde:

      „Ich hole Sie vom Flughafen ab, ich fahre das Auto, trage den Koffer und bringe Sie auch ins Bett.“

      Andreas Thiede punktet in China, Bergedorfer Zeitung, 29. November 2014

      Und wische Ihnen nach dem Scheißen auch noch den Hintern ab? Warum nicht, wenn der Investor seinen Teil des Deals erfüllt. Besser wäre es, wenn man Mittel hätte, ihn auch dazu zu bringen, doch der Teil wird meist übersehen. Das stellt man derzeit auch in Lübeck fest. Man hätte die Lehre schon aus den vorhergehenden Flughafen-Debakeln ziehen können, war aber offenbar dazu nicht in der Lage.

      1. Das einzige worin die Politik gut ist, ist wirtschaftsfeindliches Vernichten von Möglichkeiten. Dummerweise ist das den Handelnden nicht bewusst, weil sie meist nicht in der Lage sind übergreifend zu denken. Im Gegenteil, sie sind sogar der völligen Überzeugung ganz tolle Sachen zu machen, ohne zu merken, dass sie durch ihr Handeln genau das Gegenteil bewirken – reinstes Gutmenschentum. Merke, gegen Boshaftigkeit und kriminelle Energie kann man etwas machen, gegen Dummheit hilft nichts.

  2. Ein amtierender Politiker reist nach China um einem Chinesen bei seinem Visum zu helfen ??? Zahlen wir Steuerzahler am Ende gar die Reisekosten für diesen Freundschaftsdienst, wieso muss der Herr Thiede dafür nach China und wenn es nicht der Steuerzahler zahlt, zahlt es dann der Herr Chen und was heisst das für Transparency International?

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