Alle Jahre wieder: Frachtflüge

Der (nicht mehr so) neue Geschäftsführer der Lübecker Landewiese, Siegmar Weegen, äußert sich erstmals etwas ausführlicher, erzählt auf den ersten Blick aber nicht viel Neues. Vielleicht sollte das alles auch etwas einschläfernd wirken, um vom einzigen Knallbonbon abzulenken: Frachtflüge – nun also doch? Trotz aller gegenteiligen Beteuerungen gerade von Weegens abgesetztem Vorgänger?

Nach den sich überschlagenden, immer phantastischer anmutenden Ankündigungen zu Beginn des Jahres 2013 bezüglich Marmor-Terminals, Luxushotels und Privatkliniken für Gesundheitstouristen (oder so) wird nunmehr Geduld angemahnt.

«2014 wird es für den Flughafen vermutlich kein Wachstum geben. Aber wir planen langfristig und können das verschmerzen. … Derzeit macht der Flughafen Verluste, kostendeckend werden wir wohl erst in fünf Jahren arbeiten.»

LN/dpa via airliners.de, 13. Januar 2014

Ach, übrigens: „fünf Jahre“ hat man schon vor einem Jahr verkündet, eigentlich müßte es jetzt „vier Jahre“ heißen, oder? In einigen Fernsehberichten hieß es Anfang 2013 übrigens noch, man wolle in nur drei Jahren schwarze Zahlen schreiben. (z.B. NDR-SH vom 2. Januar 2013.) Das wären jetzt ja nur noch zwei Jahre.

Kein Wachstum?

Der Flughafen wird 2014 vermutlich stark schrumpfen. Die Brötchen, die inzwischen dort gebacken werden, als bloß klein zu bezeichnen, wäre schon eine Übertreibung. Zum Betrachten wird ein Mikroskop empfohlen. Ein Beispiel für nicht gerade überwältigende Auskünfte des Herrn Weegen:

Innerdeutsche oder internationale Linienflüge gibt es bislang nicht. Auch die vom Investor Rady Amar Anfang 2013 angekündigten regelmäßigen Verbindungen nach Ägypten und Marokko sind derzeit nicht in Sicht. «Die politische Situation in den Ländern ist im Moment ungünstig, das finanzielle Risiko zu groß», sagte Weegen.

LN/dpa via airliners.de, 13. Januar 2014

Und das hat man erst in den letzten Monaten bemerkt? Klar! Das konnte Anfang 2013 nun wirklich keiner ahnen, daß der Nahe Osten ein Pulverfaß ist. Schon gar nicht Rady Amar, der zufällig in Ägypten geborene Geschäftsführer des „Investors“, der fälschlicherweise immer wieder gerne selbst als „Investor“ dargestellt wird.

Und welche brisante politische Situation verhindert eigentlich innerdeutsche Flüge? Egal, ich will‘s gar nicht wirklich wissen; ich persönlich freue mich über jeden Flug, der nicht stattfindet.

Und wieder: Frachtflüge

«2014 bis 2016 werden die Jahre der Geschäftsfeld-Entwicklungen», sagte er. Dazu gehöre neben der Akquise neuer Linien und Strecken auch die Einrichtung eines kleinen Zentrums für Privat- und Geschäftsflieger. Auch der Bereich Luftfracht und Logistik solle entwickelt werden. «Das bedeutet nicht automatisch nächtlichen Flugverkehr. Das Nachtflugverbot zwischen 23.30 Uhr und 6.00 Uhr soll bestehen bleiben», sagte er mit Blick auf die Anwohner, die sich vor nächtlichem Fluglärm fürchten.

LN/dpa via airliners.de, 13. Januar 2014

Wie großzügig! Zunächst eine Rekapitulation der Regelungen des Planfeststellungsbeschlusses. Die Bestimmungen zu Nachtflügen gelten inzwischen, obwohl der Beschluß als ganzes noch nicht rechtskräftig ist. Möglich machte das der „Ausbau light“, in dem ein Gericht dem Flughafen gestattete, bestimmte Ausbaumaßnahmen wie das neue Instrumentenlandesystem auf eigenes Risiko durchzuführen. Dadurch fand die Nachtflugregelung Aufnahme in die aktuell geltende Genehmigung des Verkehrsflughafens Lübeck-Blankensee.

In einem Punkt irrt Herr Weegen allerdings. Für Frachtflüge sieht die Nachtflugregelung anders aus:

In der Zeit von 22.00 Uhr bis 6.00 Uhr (Nachtzeit) ist der Flugbetrieb beschränkt. Reine Frachtflüge sind in der Nachtzeit unzulässig.

Also: Verbot reiner Frachtflüge schon ab 22 Uhr. Aber was sind „reine“ Frachtflüge überhaupt? Vielleicht läßt sich das trickreich umgehen, vielleicht auch nicht; auf jeden Fall bleibt immer die Hoffnung auf Ausnahmegenehmigungen, die hierzulande ja die Regel sind.

Wird der Planfeststellungsbeschluß von einem Gericht gekippt, besteht übrigens die Gefahr, daß der Flughafen die „Ausbau-light“-Maßnahmen auf eigene Kosten zurückbauen muß. Theoretisch. In der Realität wird das unabhängig von jeder Gerichtsentscheidung, und ich bin sonst eigentlich sehr vorsichtig mit Prognosen, nie geschehen. Natürlich stellt sich in dem Fall aber auch die Frage, ob die aktuelle Nachtflugregelung ungültig wird. Und ob das so womöglich gewollt wird.

Zu Frachtflügen an sich äußert sich der Planfeststellungsbeschluß wie folgt:

Luftfrachtverkehr wird in der Fluggast- und Flugbewegungsprognose behandelt, jedoch mit dem Ergebnis, dass sich am Flughafen Lübeck auch dann kein relevanter Luftfrachtverkehr entwickeln wird, wenn das „Produkt Luftfracht“ gezielt vermarktet würde, auf den regionalen Flughäfen ließen sich keine nennenswerten Tonnagen erzielen.

Wieder einmal steht also der Planfeststellungsbeschluß diametral den Absichten des jetzigen Betreibers entgegen. (Neben der damaligen Bedarfsbegründung, die nun wirklich längst im Mülleimer der Geschichte gelandet ist. Sie behauptete, man habe einen Beförderungsbedarf von 3,25 Mio. Passagieren pro Jahr.)

Herr Weegen jedenfalls würde wohl kaum Frachtflüge in Erwägung ziehen, wenn er sich nicht Einnahmen durch sie erhoffen würde. Ein solcher Bedarf war seinerzeit aber nicht angemeldet worden.

Widersprüche

Auch abseits des Planfeststellungsbeschlusses tun sich abgrundtiefe Widersprüche auf. Weegens Vorgänger, Jürgen Friedel, hatte sich festgelegt (mußte er deswegen gehen?):

Auf die Frage von Initiativen-Chef Detlev Stolzenberg [Initiative für Lübecks ländlichen Raum], der den Abend im Krummesser Hotel-Restaurant Thormählen feinfühlig moderierte, gab Professor Jürgen Friedel eine unmissverständliche Antwort: „In Blankensee wird es keine Frachtflüge geben.“ Ein solcher Wirtschaftszweig sei für den Flughafen Lübeck „nicht interessant“.

Lübecker Nachrichten, Lokalteil HL, 13. April 2013, S. 13

Jetzt offenbar doch. Hier übrigens die ultimative Frachtflug-Chartshow vom letzten Frühjahr.

Planlos

Da stellt sich natürlich die Frage, weswegen der Investor sich auch noch das Gewerbegebiet südlich des Flughafens geschnappt hat und dort, neben einem 46 Meter hohen Turm zur Herstellung von Glasfasern auch noch die Errichtung von bis zu 25 Meter hohen Hallen plant. Lagerhallen als Teil des Plans? Welchen Plans überhaupt? Niemand weiß es. Die lübsche Verwaltung vermutlich am allerwenigsten.

Komisch nur, daß es früher im Bebauungsplan für das Gewerbegebiet hieß:

Der Flughafen Lübeck-Blankensee wird voraussichtlich durch steigenden Nachfragedruck seine Funktion als Regionalflughafen erweitern. … Das gilt nicht nur für Betriebe der Luft- und Raumfahrt (einschließlich Wartung und Service), sondern auch für Firmenniederlassungen, die auf Luftfrachtverbindungen angewiesen sind, sowie für Distributions- und Dienstleistungsbetriebe.

In der neuesten, auf 3Y zugeschnittenen Version vom November 2013, wurde der Hinweis auf Luftfracht getilgt – vermutlich, um keine schlafenden Hunde zu wecken. Kurioses findet sich dort aber immer noch:

Der Flughafen Lübeck-Blankensee wird voraussichtlich durch steigenden Nachfragedruck seine Funktion als Regionalflughafen erweitern. … (FREIE PLANUNGSGRUPPE BERLIN UND INSTITUT FÜR STADTFORSCHUNG UND STRUKTURPOLITIK (1996): Regionalplanerische Studie).

Ach so, da will man der Öffentlichkeit jetzt also allen Ernstes eine fast zwanzig Jahre alte Studie als Planungsgrundlage für die Zukunft verkaufen? Das ist offensichtlich so dummdreist, daß die Verwaltung sich doch zu einer Erklärung genötigt fühlt:

Die Prognose der Regionalplanerischen Studie aus dem Jahr 1996 kann je nach politischer Lage und wirtschaftlicher Entwicklung der Hansestadt Lübeck sowie der Umsetzung der planfestgestellten Vorhaben (Ausbau des Flughafens) immer noch eintreten.

Sicher. Ebenso können auch die Prophezeiungen des Hellsehers Nostradamus aus dem Mittelalter immer noch eintreten. Ausschließen kann man das jedenfalls nicht. Was für eine Planungsgrundlage!

Dilettanten?

Wie schwärmte Euroimmun-Chef Stöcker doch kürzlich:

„Der Flughafen ist von den Dilettanten weggekommen, das kann nur gut für ihn sein.“

Lübecker Nachrichten, 2. Januar 2014

Hüstel. Mal sehen, ob er seine Meinung ändert; es wäre nicht das erste Mal. Gewettert hat er von seinem Adlerhorst über dem Blankensee in der Vergangenheit gegen 3Y-Geschäftsführer Amar, gegen Sport- und Hobbyflieger, und gegen Frachtflüge (LN, Leserbriefe, 12. Juli 2011, S. 2). Gegen alles das also, was Herr Weegen jetzt angekündigt hat, und gegen seinen Arbeitgeber. Ob es vom Seekamp in Zukunft wieder Blitz, Donner und Abwanderungsdrohungen hageln wird? Oder hat man sich arrangiert?