Turmbau zu Lübeck

Ein Gewerbegebiet mit einem hohen Turm, der eher die Ausmaße eines massiven Hochhauses hat, ausgerechnet neben einen Flughafen und ein Naturschutzgebiet zu quetschen, das hätte man wohl nicht einmal in Schilda fertiggebracht. Aber was ist Schilda schon gegen Lübeck? Das können wir viel besser!

Es tut sich mal wieder was im Gewerbegebiet am Flughafen. Zu Erinnerung: neben ihrem Flughafen wollten die Lübecker Provinzfürsten einen neudeutsch „Airport Business Park“ betiteltes Gewerbegebiet auf einem ehemaligen Kasernengelände einrichten, denn, so steht es lächerlicherweise auch heute noch im Internet zu lesen:

Die Attraktivität [?] des Standortes am Flughafen Lübeck ist in den vergangenen Jahren gezielt gesteigert worden. Im Gesamtkonzept [??!?] der Lübecker Standortentwicklung kommt dem Gewerbepark am Flughafen dabei besondere Bedeutung zu. Deshalb wurden vorausschauend ideale Flächen für Unternehmen aus dem Luftfahrtbereich reserviert.

Zu blöde, daß die keiner haben wollte, jedenfalls nicht zum geforderten Preis. Dann geschah das Wundersame: ein „Investor“ – die Firma 3Y Logistic und Projektbetreuung – fand sich für den maroden Flughafen, und die interessierte sich auch für den inzwischen wieder eingedeutschten „Gewerbepark am Flughafen“ im Süden der Landewiese.

Aber nicht für ein früher gebetsmühlenartig beschworenes flughafenaffines Gewerbe, sondern Presseberichten zufolge für eine Glasfaserfabrik. Offiziell wurde das von zuständiger Stelle (oder dem Investor) nie offiziell bestätigt oder gar konkretisiert, und auch im neuesten Bebauungsplan findet sich das Wort Glasfaser fast nur in inoffiziellen Stellungnahmen. Offiziell geht es lediglich um

den Ansiedlungswunsch eines potentiellen Vorhabens, dessen Betrieb einen höheren Gebäudeteil benötigt.

Dieser B-Plan liegt derzeit mal wieder im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung aus. (Übrigens: woran liegt es eigentlich, daß Öffentlichkeitsbeteiligungen bevorzugt entweder im Hochsommer oder in der Vorweihnachtszeit stattzufinden scheinen? Nur so eine Frage. Sicherlich ein kurioser Zufall.)

Nochmal von vorne

Es hatte sich herausgestellt, daß die vorhergehende Version des B-Plans nur so von Fehlern strotzte: viele Unterlagen waren hoffnungslos veraltet, einige fehlten, andere existierten in unterschiedlichen Versionen. Kurzum: das Chaos konnte nicht einmal mehr die Lübecker Verwaltung schönreden, und das will was heißen; eine neuerliche Auslegung mit nachgebesserten Unterlagen und einer dementsprechend nachgebesserten Begründung wurde notwendig.

Dabei wuchsen die maximal zulässigen Gebäudehöhen nochmal wie Pilze im Herbst. War der alte „Airport Business Park“ noch durchgehend mit 15 m Gebäudehöhe über Gelände geplant, wurde zunächst der Turm mit 46 m durchgewunken. Und in der neuesten Version der Begründung heißt es:

In den Gewerbegebieten GE 5 bis GE 9 wird die maximal zulässige Oberkante der Gebäude auf 36 m bzw. 41 m über NHN [20 m bzw. 25 m über Gelände] erhöht, um hier auch Gewerbeansiedlungen zu ermöglichen, die höhere Gebäude benötigen.

Um die Verwirrung zu erhöhen, wurden übrigens ganz nebenbei die Gebiete (bislang GE 1 bis GE 5) neu geschnitten (jetzt GE1 bis GE 9). Dahinter steckt vermutlich die Planung des „Investors“, über die die Öffentlichkeit bisher nicht informiert wurde.

gewerbegebietOft übersehen wird, daß die Planung auch ein Blockheizkraftwerk mit zwei 25 m hohen Schornsteinen vorsieht. Die Höhe ist durch das nahegelegene Naturschutzgebiet bedingt und wird auch nur möglich durch eine Filteranlage, die 95% der Schadstoffe aus den Abgasen filtert. Ansonsten wäre eine Höhe von mindestens 40 m nötig. Aber vielleicht kommt das ja aus Gründen der Kostenersparnis auch noch.

Schnappschüsse

Neu zu den Unterlagen hinzugefügt wurde eine „Visualisierung“ des Bauvorhabens, die zu verstärkten Heiterkeitsanfällen Anlaß geben muß. Anhand von vier handverlesenen Schnappschüssen, in die man computersimuliert den geplanten Turm kopiert hat, versucht man nachzuweisen, daß eben jener praktisch nicht zu sehen sei. Ein 46 m hohes Gebäude, das nachweislich die es umgebenden Bäume um mehr als die Hälfte überragt!

Ganz ohne Abbildungen kann man sich schon eine gute Vorstellung von den Ausmaßen machen, indem man vorhandene Gebäude damit vergleicht. Der geplante Turm wird eine Grundfläche von 480 m² haben dürfen und 46 m hoch sein. Um es nicht ganz so kompliziert zu machen, nehme ich im folgenden eine Grundfläche von 400 m² an, mit einer quadratischen Standfläche von 20 m * 20 m.

In den Dimensionen am nächsten kommen dem die Hochhäuser in Lübeck-Moisling (Auf dem Schild), und daß die weitgehend unsichtbar seien, hat wohl noch niemand behauptet. Wer diese diese städtebaulichen Perlen nicht kennt, kann – was die reine Höhe angeht – auf das Behördenhochhaus an der Possehlstraße zurückgreifen, das sich wohl nicht ganz 46 m über die Umgebung erhebt, aber trotzdem weithin sichtbar ist.

turm-dreieck

Das lächerlichste der vier Fotos der sogenannten Visualisierung ist wohl das, das in der unmittelbaren Nachbarschaft des geplanten Turms (oder sollte man „des Glasfaserhochhauses“ sagen?) aufgenommen wurde. Da verschwindet der Turm, so ein Zufall, gerade mal hinter einem Baum (weiße Markierung ganz links). Wäre der Fotograf auch nur ein paar Schritte weitergegangen, sähe die Sache schon ganz anders aus. Um es mal ganz böse auszudrücken, ohne damit etwas unterstellen zu wollen: man kann immer einen Standort finden, wo ein Baum den Blick auf einen Turm oder Hochhaus verstellt.

 

Eine andere Perspektive

Umgekehrt gilt das natürlich auch. Hier ein Blick auf die Fläche von Westen, die übrigens einen Größenvergleich mit einem vorhandenen dreistöckigen Gebäude zuläßt. Bemerkenswerterweise erlauben die offiziellen Visualierungsfotos keinerlei Größenvergleich mit bekannten Objekten; höchstens mit Bäumen, aber die kommen in der Natur bekanntlich in verschiedenen Größen vor.

Ganz nebenbei: einige Mieter des abgebildeten Gebäudes sollen dem Vernehmen nach aus verschiedenen Gründen, unter anderem der geplanten Bebauung vor ihren Bürofenstern, über eine Kündigung ihrer Mietverträge nachdenken.

[Nachtrag 13.12.2013: So wie es aussieht, befindet sich die geplante Bebauung inkusive Turm ledliglich in 10 m Entfernung von schon verhandenen Gebauden.]

turm

In Rot eingezeichnet sind maßstabgerecht von rechts nach links die geplanten Bebauungshöhen von 46 m, 25 m und 20 m. Dabei ist jeweils beispielhaft eine quadratische Standfläche von 20 m * 20 m angenommen. Vom Turm abgesehen könnten die anderen Bauten aber wesentlich umfangreicher ausfallen, was die Fläche angeht.

Schön, oder?