Bitte nicht lachen: Privatisierungsversuche von Regionalflughäfen (Teil II)

Die Liste deutscher Bürgermeister-Flughäfen ist lang. In der Regel sind sie Geldverbrennungsmaschinen. Anstatt einzusehen, daß man sich komplett verrannt hat, setzen manche Provinzpolitiker auf private Investoren als Retter aus höchster Not. Meistens macht das die Sache noch schlimmer. In keinem Fall haben sich die Erwartungen bislang erfüllt. Nach Teil I geht es hier weiter mit Magdeburg-Cochstedt und Bitburg.

Bitburg

Im Jahr 2010 stieg der luxemburgische Unternehmer Frank Lamparski mit 40,53% der Anteile bei der Flugplatz Bitburg GmbH ein. Weitere Anteilseigner sind der Eifelkreis Bitburg-Prüm (37,89%) und die Stadt Bitburg (16,32%). Der Rest ist in der Hand von zwei Privatfirmen. Die Übertragung der Anteile an Herrn Lamparski geschah rückwirkend zum 1. November 2009.

Der Flugplatz Bitburg soll zur zivilen Nutzung weiter ausgebaut werden. Das hat Lamparski … angekündigt. Da der Flughafen Luxemburg und der Flugplatz Hahn in ihren Kapazitäten in den nächsten Jahren an die Grenzen stießen, sei auf dem verfügbaren Gelände ein Ausbau in mehreren Phasen beabsichtigt. Der Luxemburger Projektentwickler will mit Finanzmitteln, die vor allem von Investmentfonds kommen sollen, den Flugplatz bis Mitte 2010 komplett übernehmen und zu einem Regionalflughafen und Frachtflughafen ausbauen. Innerhalb von drei Jahren soll der Cargobetrieb und in fünf Jahren der Passagierbetrieb aufgenommen werden.

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Die Übernahme verzögerte sich aber etwas, denn es fehlte eine Kleinigkeit – Geld. Wieder mal sollte jetzt die Rettung aus dem Orient kommen:

Im Dezember 2011 gab Lamparski bekannt, dass er eine asiatische Investorengruppe gefunden hat, die insgesamt rund 380 Mio. Euro in den Ausbau zu einem internationalen Flughafen investieren will.

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Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: dreihundertachtzig Millionen Euro für den Ausbau eines Flughafens in… Bitburg. Doch auch diese Seifenblase schwebte nicht lange; nicht mal ein vergleichsweise geringes Startkapital konnte er aufbringen.

Die geplante Übernahme des Bitburger Flugplatzes durch den Unternehmer Frank Lamparski ist nach Angaben der Flugplatz Bitburg GmbH geplatzt. Lamparski habe die 30 Millionen Euro Startkapital vor Ablauf der vereinbarten Frist nicht nachweisen können, teilte die Flugplatz Bitburg GmbH am Mittwoch mit. … Der luxemburgische Flughafenplaner hätte die Summe auf ein projektgebundenes Konto überweisen müssen, das Ultimatum war in der Nacht auf Mittwoch ausgelaufen. „Der Deal ist geplatzt“, sagte der Aufsichtsratschef der Flugplatz Bitburg GmbH, Michael Billen,

so dpa laut Handelsblatt am 11. April 2012.

Die Flugplatz Bitburg GmbH will das Gelände trotz des Flops zu einem Verkehrsflughafen ausbauen und betreiben. „Ich bleibe bei der Grundüberzeugung, dass der Flugplatz Bitburg eine Zukunftschance hat. Aber nicht mit Herrn Lamparski“, sagte Billen.

Stadt und Kreis platzte inzwischen in einem seltenen Vernunftsanfall der Kragen: Schluß mit dem Flughafen, dessen Verluste man nach wie vor anteilig mittragen durfte. Stattdessen soll es nun ein Energiepark sein, mit Gewerbegebiet. Nur leider hatte man sich durch die Teilprivatisierung in eine Zwickmühle begeben: man würde Herrn Lamparski seine Anteile wieder abkaufen müssen. Und das kostet Geld.

Im kamen Oktober 2012 kamen erste Insolvenzgerüchte auf. Herrn Lamparskis Planungsfirma „International Airport Development“ habe Insolvenz angemeldet. Er bestritt mit Nichtwissen:

Der Luxemburger Unternehmer Frank Lamparski weiß offenbar nichts von einer Insolvenz seiner Planungsfirma. Er hält an seinen hochtrabenden Plänen fest,

so das Luxemburger Wort am 11. Oktober 2012.

Laut Medienberichten … ist das Kapitel Bitburg Airport für Lamparski noch lange nicht abgeschlossen. Die Nachrichtenagentur dpa … erwischte ihn in Hongkong, wo er angeblich Investoren aus der Ölbranche für sein Großprojekt in der Eifel begeistern will. Lamparski habe seinen Anwalt mit der Klärung der Insolvenz beauftragt. …

Auf der ehemaligen US-Airbase will Lamparski einen Fracht- und Passagierflughafen mit einer Flugzeugwerft errichten.

Nicht mal ein Luxushotel oder einen Vergnügungspark?

Vorerst letzter Akt des Dramas:

Der maßgeblich beim Projekt Flugplatz Bitburg engagierte Unternehmer Frank Lamparski hat Konkurs angemeldet. Wie das Handelsgericht Luxemburg am Montag bestätigte, stellte Lamparski am Freitag einen entsprechenden Antrag. … Nach Angaben des Inkassounternehmens Creditreform haben in den vergangenen anderthalb Jahren vier weitere Firmen Konkurs angemeldet, an denen Lamparski beteiligt war, darunter auch seine Firma für Internationale Flughafenentwicklung. Der Aufsichtsrat der Flugplatz Bitburg GmbH, Michael Billen, sagte, er wolle keinen Kommentar dazu abgeben, was die Konkurse Lamparskis für das Projekt Flugplatz Bitburg bedeuteten.

so der SWR am 14 Januar 2013 (Cache via WebCite).

Magdeburg-Cochstedt

Schon recht früh hatte eine „Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Aschersleben/Staßfurt“ für den ehemaligen Militärflughafen in Sachsen-Anhalt ehrgeizige Pläne. Wenige Jahre nach der Wende ging es ratz-fatz:

  • 1994: Betriebsgenehmigung als Verkehrsflughafen
  • 1997: Neubau der Flugbetriebsflächen und des Kontrollturms
  • 2000: Instrumentenlandesystem CAT I
  • 2001: Insolvenz der Betreibergesellschaft

Aber das kann Landespolitiker doch nicht erschüttern.

[I]m September 2006 verhandelte das sachsen-anhaltische Wirtschaftsministerium mit einem amerikanischen Investor, der von Cochstedt aus international Cargo abfertigen wollte. Das Wirtschaftsministerium hatte versäumt, die Bonität des Investors zu überprüfen. Es stellte sich heraus, dass der vermeintliche Investor lediglich über selbst gefertigte Briefbögen verfügte.

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Dumm gelaufen. Auf Hochstapler kann man schon mal reinfallen. Aber die Idee mit den Frachtflügen war doch toll, oder?

Im Dezember 2008 wurde der Flughafen für 9 Millionen Euro an die International Investment House Co. LLC (IIH), eine Investmentgruppe aus Abu Dhabi verkauft. … Das Unternehmen plante den Bau eines Cargo- und Logistikcenters. Mittelfristig sollte der Flughafen auch für zivile und kommerzielle Luftfahrt geöffnet werden.

Wegen finanzieller Schwierigkeiten bat IIH im Frühjahr 2009 um Zahlungsaufschub von bis zu zwei Jahren, sagte jedoch zu, in dieser Zeit die laufenden Kosten zu übernehmen. Nachdem am 30. Juni 2009 eine letzte Zahlungsfrist für die erste Kaufpreisrate in Höhe von einer Million Euro verstrich, machte der sachsen-anhaltische Wirtschaftsminister von seinem Rücktrittsrecht Gebrauch und hob den Vertrag mit IIH mit Wirkung zum 1. Juli 2009 auf. Für Ausbau und Entwicklung des Flughafens Cochstedt wurden bis zu diesem Zeitpunkt ca. 60 Mio. € aufgewendet.

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2010 wurde der Flughafen für 1,5 Millionen € an die dänische Betreibergesellschaft Airport Development A/S verkauft. 2011 zählte man immerhin, nicht zuletzt dank Ryanair, 70 000 Passagiere; 2012 dürften es rund 40 000 gewesen sein.

Die Fluggesellschaft Germania hat sich vom Regionalflughafen Cochstedt zurückgezogen. Die bisherigen Flüge nach Hurghada und Las Palmas seien letztmalig im Februar [2012] gestartet …. Die Auslastung habe sich zwar positiv entwickelt, jedoch nicht die ursprünglichen Erwartungen erfüllt. Germania plane vorerst auch keine weiteren Flüge ab Cochstedt.

Im Sommerflugplan ab Ende März hebt Ryanair ab Cochstedt nach Girona bei Barcelona und Palma de Mallorca ab. Zudem bleiben die Flüge unter der Flughafen-Eigenmarke CSO City Fly nach München erhalten. Geplante Verbindungen nach Istanbul, Antalya, Budapest und Las Palmas werden laut Flughafen-Homepage zunächst jedoch nicht angeboten.

airliners.de, 16. März 2012

Noch so ein „Home Carrier“. CSO City Fly stellte ihre Flüge nach Bern via München inzwischen ein und sucht nach neuen Partnern, Ryanair fliegt im Winter 2012/2013 auch nicht. Aber immerhin: im kommenden Sommer geht‘s mit den Iren nach Barcelona-Girona und nach Palma de Mallorca. Jeweils zweimal die Woche.

Tatsächlich gibt es ab Cochstedt in diesem Winter überhaupt keine Linienflüge. Und selbst das wird noch als Vorteil verkauft. Die Mitteldeutsche Zeitung berichtete am 1. November 2012:

Wirtschaftlich ist der Linienflugverkehr für Cochstedt auch nur bedingt attraktiv. Marketing und die Abfertigung der Maschinen verursachen hohe Kosten. Nach MZ-Informationen ist es für den Flughafen daher im Winter wirtschaftlich günstiger, auf Linienflüge zu verzichten, als sie anzubieten.

Ein Beweis dafür, daß Flughäfen, die sich mit Ryanair und Co. abgeben, unterm Strich immer draufzahlen? Aber immerhin ist da noch der Frachtverkehr. Stolz erklärt ein Flughafensprecher, es sei dort eine Frachtmaschine stationiert. Ob sie auch fliegt? Zahlen dazu sind nicht aufzutreiben: Cochstedt liegt unterhalb der Relevanzschwelle der einschlägigen Statistiken des Statistischen Bundesamts und des Branchenverbands ADV.

Flughafenpapst beklagt Privatisierungsfalle

Wer sich auch nur oberflächlich mit der Materie befaßt hat, wird immer wieder auf zwei Unternehmen stoßen, die für gewöhnlich im Doppelpack auftreten: Airport Research Center (ARC) und Desel Consulting. Flapsig gesagt, erzählen sie Provinzfürsten das, was sie immer schon ahnten, nämlich daß gerade ihre Landewiese ein Mörder-Potential habe. Auf Wunsch begründen sie auch aufgeweichte Nachtflugregelungen und ähnliches.

Prof. Dr.-Ing. Ulrich Desel hielt im Rahmen der 4. European General Aviation Conference im letzten Herbst einen Vortrag unter dem Titel „Privatisierungsfalle Regionalflughäfen“. Laut der im Internet abzurufenden PowerPoint-Präsentation sagte er zum Thema, daß „kaum eine Privatisierung gelungen“ sei, womit er (wie hier dargelegt) recht hat, und fragte

Warum sollte ein Investor in ein nachhaltig negatives Geschäft investieren?

Die trotzdem auftauchenden Investoren sind kritisch zu beleuchten, was die öffentlichen Hände häufig nicht machen.

Das ist so ziemlich die einzige Passage des (ansonsten in weiten Teilen unsinnigen bzw. von Eigeninteresse bestimmten) Vortrags, der man zustimmen kann.

Nettes Detail am Rande: die 4. European General Aviation Conference fand am Verkehrslandeplatz Schönhagen statt. Der Lübecker Flughafen-Investor Dr. Rady Amar läßt dort seine Firma Aquila Kleinflugzeuge zusammenleimen. Ob er an der Konferenz als Zuhörer teilgenommen und die Warnung vor der „Privatisierungsfalle Regionalflughäfen“ gehört hat, ist nicht bekannt.

Unabhängig davon: die Frage ist natürlich immer, wer wem in die Falle geht.