En garde!

Es ist bekannt, daß Ryanair Subventionen für das Anfliegen vom Provinzflughäfen (wie z.B. den in Lübeck) zumindest nicht verschmäht. Es wird auch weithin vermutet, daß die Fluggesellschaft fest mit solchen Zuschüssen kalkuliert, sie also zum Geschäftsmodell gehören. Wenn man allerdings einem Konkurrenten Glauben schenken will, wäre Ryanair ohne diese Zuwendungen möglicherweise längst in der Verlustzone.

In einer Beschwerde vor der EU-Kommission behauptet Air France, ihre Recherchen hätten ergeben, daß Ryanair Jahr für Jahr die aberwitzige Summe von 660 (sechshundertsechzig!) Millionen Euro kassiert; im wesentlichen von Lokal- und Regionalverwaltungen, in deren Zuständigkeitsbereichen die angeflogenen Ziele liegen.

Ryanair spiele Robin Hood, so Air France, flöge aber in Wirklichkeit auf Kosten europäischer Steuerzahler. Die Antwort Ryanairs ist, wie man es von der Firma seit Jahren kennt, ebenso arrogant wie inhaltslos. Man kümmere sich nicht um falsche Behauptungen von Hochpreis-Fluggesellschaften, die auch noch Treibstoffzuschläge erheben würden, so ein Sprecher. Man investiere Millionen in französische Regionalflughäfen, die Air France ignorieren würde.

Die erste Irreführung besteht im Hinweis auf Treibstoffzuschläge, die Ryanair in der Tat (anders als viele andere Fluggesellschaften) nicht erhebt. Dieser Hinweis kommt jedoch ausgerechnet vom Weltmeister im Erfinden und Erheben aller möglicher Zuschläge und Gebühren. Zuletzt in der Diskussion waren bekanntlich eine Toilettenbenutzungsgebühr an Bord und Zuschläge für Übergewichtige. Über dieses „Argument“ Ryanairs braucht man also nicht weiter zu diskutieren.

Die zweite Irreführung der Allgemeinheit besteht in der seit Jahren bei jeder Ankündigung eines Ryanair-Drehkreuzes gebetsmühlenartig wiederholten Behauptung, man würde durch dadurch am jeweiligen Flughafen Investitionen in Millionenhöhe tätigen. In letzter Zeit hieß es, jedes stationierte Flugzeug entspräche einer „Investition“ von 70 Millionen Euro.

Das klingt so, als ob Ryanair den Flughäfen Geld für die Stationierung zahlt – was selbstverständlich nicht der Fall ist (im Gegenteil). Wie sich diese „Investitions-“Summe zusammensetzt, hat Ryanair nie vorgerechnet, aber ein wesentlicher Bestandteil dürfte der Listenpreis einer Boeing 737-800 sein, und selbst das wäre noch getrickst. Ryanair hat die Maschinen von Boeing weit unter Katalogpreis gekauft, und die Summe – wie hoch auch immer – ist von Ryanair völlig unabhängig davon zu zahlen, wo ein Flugzeug letztlich stationiert wird.

(Wenn Sie ein neues Auto kaufen und es in einer Garage abstellen, haben Sie den Kaufpreis dann in das Auto investiert oder in die Garage? Blöde Frage, aber versuchen Sie mal, das einem Lokalpolitiker zu erklären, dessen drittklassiger Flugplatz den Sirenenklängen von Ryanair ausgesetzt ist.)

Für den europäischen Steuerzahler dürfte die Frage der Zulässigkeit dieser Subventionen zweitranging sein, weswegen hier auch nicht darüber spekuliert werden soll.

Wenn es so sein sollte, wie Air France behauptet, daß pro Jahr 660 Millionen Euro Staatsgelder für Ryanair ganz oder teilweise illegal geflossen seien, wäre das natürlich ein Skandal. Es würde mindestens genauso zum Himmel stinken [eine passende Formulierung im Zusammenhang mit Ryanair], sollten Zahlungen in dieser Größenordnung tatsächlich legal erfolgt sein.

Ryanair hat für das Geschäftsjahr 2007/2008 einen Gewinn nach Steuern von 481 Millionen Euro berichtet, für das folgende Geschäftsjahr immerhin noch 105 Millionen Euro. In beiden Jahren hätte das Unternehmen ohne staatliche Subventionen fette Verluste geschrieben, sollten die von Air France angeführten Zahlen zutreffen.