Agent 000: Bernd S. in geheimer Mission

Lübecks Bürgermeister ist kaum zu beneiden. Seine kürzlichen Dienstreisen – manche würden sagen, Bettelgänge – nach Kiel und Dublin können (aus seiner Sicht) kaum als erfolgreich bezeichnet werden. Jetzt droht möglicherweise auch noch eine massive Reduktion des Ryanair-Sommerflugplans 2010. Wollen die Iren mehr Geld? Und kriegen sie es selbst in dem Fall, wenn eine Mehrheit der Lübecker sich in einem Bürgerentscheid für die Finanzierung des hiesigen Flugplatzes durch die Stadt entscheiden sollte?

In Kiel erhielt der Bürgermeister neben netten Worten knallharte Auflagen für sein sog. „Take-off-Konzept“. Unter anderem forderte das Wirtschaftsministerium eine schriftliche Zusage von Ryanair, in Lübeck ein Drehkreuz (neudeutsch „Base“) einzurichten, bevor Investitionen am Flughafen vom Land unterstützt werden würden.

Man kann nur hoffen, daß die Presse das etwas ungenau wiedergegeben hat und es statt „schriftliche Zusage“ vielmehr „rechtlich bindender Vertrag mit x Jahren Laufzeit und Androhung einer Konventionalstrafe bei Nichterfüllung“ heißen sollte.

Wenige Tage später ging es nach Dublin in die Ryanair-Zentrale, um über das Drehkreuz und den Sommerflugplan 2010 zu sprechen. Zum ersteren gab es, wie auch schon bei einem früheren Besuch, natürlich keine Zusagen. Zum letzteren wußte Herr Bürgermeister Saxe zu berichten, Ryanair denke über leichte Kürzungen im Sommerflugplan 2010 nach, und schob das auf die Unsicherheit über die Zukunft des Flugplatzes.

So werden Legenden geboren. Diese Unsicherheit besteht mindestens seit Februar 2009, als der damalige 90%-Gesellschafter des Flughafens, Infratil, seinen Ausstieg verkündete. Trotzdem kurbelte Ryanair im Sommer 2009 das Geschäft an, und zwar so kräftig, daß so mancher schon von neuen Rekordzahlen träumte.

Daß es dann doch nicht so kam, hat wohl eher mit Wunschdenken und Fehleinschätzungen zu tun. Da wurde noch im Herbst 2009 von 800 000 Passagieren im Jahr geredet und vor allem geschrieben, obwohl jedem, der einschlägige Statistiken verfolgt, schon damals klar sein mußte, daß es nicht mal 700 000 werden würden.

Schrumpfkur

2010 werden es vermutlich zehn- oder hunderttausende weniger werden, wenn man danach geht, was Ryanair derzeit an Verbindungen ab „Hamburg“-Lübeck auf seiner Webseite zur Buchung im nächsten Sommer anbietet. (Mit Betonung auf derzeit; Änderungen in die eine oder andere Richtung sind nicht ausgeschlossen. Es handelt sich nicht um einen offiziellen Flugplan; allerdings scheint die Tendenz deutlich zu sein.)

Praktisch unverändert gegenüber Sommer 2009 blieben demnach lediglich die Linien nach Dublin, Pisa, Alicante, Palma de Mallorca und „Barcelona“-Girona. Arg gerupft, nämlich in etwa halbiert, werden „Stockholm“-Skavsta und „London“-Stansted. Überhaupt nicht mehr angeflogen werden Bergamo, Alghero und „Frankfurt“-Hahn.

Von einer „leichten Kürzung“ zu reden, sollte es denn wirklich so kommen, wäre schwer untertrieben. Jetzt auch noch an die Absichtserklärung [„Letter of Intent“] zu erinnern, in der Ryanair für 2010 eine Million Passagiere zugesagt hatte, wäre schon böses Nachtreten. Erst recht unfair wäre das Zitieren der lokalen Monopolpresse, die noch im Juni 2009 jubelte, Ryanair wolle 2010 „offenbar [!] eine Basis“ in Lübeck einrichten.

Ja sicher, die Zeiten haben sich geändert – aber nicht nur für Lübeck, sondern erst recht für Ryanair. Deren Verhalten hat kaum mit der Unsicherheit über die Zukunft des Lübecker Flugplatzes zu tun. Wenn das nämlich der Fall wäre, würde man im Sommer dort überhaupt nicht mehr fliegen. Die Finanzierung des Flugplatzes ist derzeit bestenfalls bis Ende April sichergestellt, und ein geheimnisvoller Zehn-Jahres-Vertrag der Stadt mit Ryanair läuft im Mai 2010 aus – wobei unklar ist, ob der verlängert werden würde (oder könnte). Wobei das Hindernis eher Ryanair wäre; deren Chef Michael O’Leary hat kürzlich laut vernehmbar erklärt, daß er in Lübeck immer noch zu viel an Landegebühren bezahlen würde.

Es dürfte sich herumgesprochen haben, daß das Unternehmen mit der reinen Fliegerei (selbst unter Berücksichtigung der von Fluggästen eingenommenen Nebeneinnahmen) kaum noch Geld verdient, also andere Geldquellen erschlossen werden müssen. Über geplante Toilettenbenutzungsgebühren und die Einführung von Stehplätzen an Bord wird zwar immer wieder gerne berichtet, aber dabei handelt es sich um Kleinkram.

Mehr Knete!

Wichtiger sind zwei relativ neue Berichte. Der erste besagt, daß Ryanair nach Jahren dauernder „Preissenkungen“ (die in Wirklichkeit durch die Erfindung immer neuer Extragebühren gegenfinanziert wurden) erstmals eine echte Erhöhung des durchschnittlichen Ticketpreises plant.

Aber wo man wirklich abzusahnen gedenkt, zeigt das Beispiel des Flughafens Pau in Südwestfrankreich. Von dort fliegt Ryanair nach Brüssel, Paris und Bristol. Klingt nicht sonderlich aufregend, doch alleine für diese drei schlappen Linien kassiert man bislang rund €350 000 pro Jahr an den (leider) üblichen „Marketingzuschüssen“; hier gezahlt von der Stadt Pau und der umliegenden Region.

Für die nächsten zwei Jahre jedoch möchte Ryanair gerne den vierfachen Betrag, €1,4 Millionen, was die Stadt Pau in einem ungewöhnlichen Schritt zur Veröffentlichung einer Stellungnahme bewogen hat, in der man die Forderung der Iren als „finanzielle Erpressung“ brandmarkt. Und das ist nur das allerneueste Beispiel in einer langen Reihe ähnlich gelagerter Fälle, deren Dokumentation vermutlich ein dickes Buch füllen würde.

Kuckucksei und Bumerang

Mal sehen, wann es in Lübeck auch soweit ist. Hoffentlich möglichst bald, damit wirklich jeder rechtzeitig merkt, was für ein Kuckucksei man sich mit Ryanair ins Nest hat legen lassen.

Übrigens: sobald das Bürgerbegehren als gültig anerkannt wird, darf die Bürgerschaft keine dem entgegenstehenden Beschlüsse fassen. Sollte der dann folgende Bürgerentscheid erfolgreich sein, ist die Bürgerschaft für zwei Jahre daran gebunden. Interessanterweise bezieht sich das nur auf den Flughafen und seine direkte Finanzierung durch die Stadt.

Was bisher kaum diskutiert wurde: separate Verträge der Stadt (oder dritter Parteien wie gerüchteweise der IHK Lübeck) mit Fluggesellschaften dürfte das nicht betreffen. Der Fall wäre vorstellbar, daß die Bürgerschaft (oder eine dritte Partei) es trotz eines möglicherweise erfolgreichen Bürgerentscheids ablehnt, sich von der einen oder anderen Fluggesellschaft weiterhin finanziell erpressen zu lassen. Fast schon überflüssig zu erwähnen, daß ein erfolgreicher Bürgerentscheid erst recht keine Fluglinie zu irgendetwas verpflichten würde. Haben die Initiatoren da nicht vielleicht eine Kleinigkeit übersehen? So in der Richtung Investitionen nur gegen bindende Zusagen, nicht gegen leere Versprechungen und vage Hoffnungen?

Was wäre, wenn Ryanair die Lust verliert? Dann darf die Stadt zwei Jahre lang einen teuren Flugplatz finanzieren, den kaum jemand nutzt – ohne jegliche Ausstiegsoption. Der Bürgerentscheid droht schon jetzt zum teuren Bumerang zu werden, sollte er erfolgreich (im Sinne der Initiatoren) ausgehen.