Jubel, Trubel… Schleichwerbung!?

Man ist von der auf den Hund gekommenen deutschen Lokalpresse ja einiges gewöhnt, aber die Lübecker Monopolzeitung hat sich gerade mal wieder selbst übertroffen. Zu der elend schiefen Berichterstattung über die hiesige Würstchenbude mit angeschlossener Flugwiese (um die Reihenfolge mal umzudrehen, denn der Würstchenverkauf dürfte mehr Geld einbringen als der Flugverkehr) kommt jetzt auch noch unverbrämte Schleichwerbung für ein Reisebüro, an dem die Provinzpostille selbst die Hälfte hält. Nur noch frech oder schon peinlich schamlos?

Die Lübecker Nachrichten jubeln jedenfalls lauthals:

Gute Nachricht für den Lübecker Flughafen: Der alteingesessene Reiseveranstalter „Globalis Erlebnisreisen“ aus Schöneck bei Frankfurt verstärkt deutlich seine Aktivitäten in Blankensee. In diesem Jahr werden vom Lübecker Flughafen aus sieben Erlebnisreisen gestartet.

Bleiben wir zunächst beim Flughafen, für den die Nachricht an sich so gut oder wichtig ist wie ein Sack Reis, der in China platzt. Es handelt sich um sieben Flüge im Jahr 2011 insgesamt, nicht etwa pro Woche oder wenigstens pro Monat. Die von Flughafen-Geschäftsführer Michael Lange prognostizierte Zahl von 400 000 Passagieren in 2011 würde Globalis gerade mal um ein halbes Prozent steigern; und das auch nur unter der Voraussetzung, daß deren Flüge nahezu voll ausgebucht wären.

Das Geschäft hat auch kaum unmittelbares Wachstumspotential:

Nach Aussage von Gerhard Müller, Leiter Touristik bei Globalis, buchen jährlich 10 000 Urlauber Erlebnisreisen beim hessischen Veranstalter.

Selbst wenn die alle von Lübeck abflögen, würde das die Bilanz kaum aufbessern. Von daher also: Schwamm drüber.

Ein Fall für den Presserat?

Der Knaller in Sachen Globalis:

Alle Reisen können nur beim LN+Hapag-Lloyd Reisebüro gebucht werden.

Hmm… „LN“ hört sich bekannt an. Könnte da die Tageszeitung namens Lübecker Nachrichten dahinterstecken? Antwort gibt die Webseite des Reisebüros:

Die Lübecker Nachrichten + Hapag-Lloyd Reisebüro GmbH wurde 1952 gegründet. Das Joint Venture zwischen der TUI Leisure Travel GmbH (50%) und den Lübecker Nachrichten (50%) betreibt neben dem klassischen Mittlergeschäft in den Reisebüros einen eigenen Firmen-Reisedienst in Lübeck, Schwerin und Rostock.

Ach so. Was sagt eigentlich der deutsche Presserat in seinen Richtlinien dazu?

Redaktionelle Veröffentlichungen, die auf Unternehmen, ihre Erzeugnisse, Leistungen oder Veranstaltungen hinweisen, dürfen nicht die Grenze zur Schleichwerbung überschreiten. Eine Überschreitung liegt insbesondere nahe, wenn die Veröffentlichung über ein begründetes öffentliches Interesse oder das Informationsinteresse der Leser hinausgeht oder von dritter Seite bezahlt bzw. durch geldwerte Vorteile belohnt wird.

Daß Geld geflossen sei, soll hier nicht behauptet werden; wohl aber, daß das LN-Gejubel deutlich „über ein begründetes öffentliches Interesse oder das Informationsinteresse der Leser hinausgeht“. Und das gilt erst recht dann, wenn das berichtende Presseorgan Mitinhaber des erwähnten Reisebüros ist, denn, so der Presserat:

Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden.

So erhielt z.B. der Berliner Kurier letztes Jahr wegen Verletzung dieses Trennungsgrundsatzes eine Rüge:

Die Zeitung hatte in der Print- und Online-Ausgabe einen Beitrag veröffentlicht, in dem … ohne nachvollziehbaren Grund für die Auswahl ein einzelnes Angebot für eine siebentägige Mittelmeerkreuzfahrt vorgestellt wurde. Am Ende des Artikels erfolgte der Hinweis auf eine Telefonnummer und eine Website, über die die Reise gebucht werden kann. … Ohne dass der Leser eine Vergleichsmöglichkeit hatte, wurde das Angebot eines einzelnen Anbieters hervorgehoben.

Vergleichsmöglichkeiten gibt es in dem LN-Artikel (der zugegeben weniger ausführlich ist als der des Berliner Kuriers) auch keine. Dafür aber den reklamigen Schlußsatz:

Weitere Infos unter www.flughafen-luebeck.de und im LN+Hapag-Lloyd-Reisebüro.

Wenn das keine Schleichwerbung ist, was dann?

Alle Angaben zu dem LN-Artikel basieren übrigens auf dem am 14. Januar 2011 um 00:00:08 Uhr auf LN-Online veröffentlichten redaktionellen Beitrag. (Vielleicht steht in der Print-Ausgabe ja dick und breit „Anzeige“ drüber. In dem Fall betrachten Sie diesen Artikel, den Sie gerade lesen, bitte als hinfällig.)

Der Presserat nimmt Beschwerden übrigens auch online entgegen (Ziffer 7 ankreuzen – „Trennung von Werbung und Redaktion“.)

Ganz abgesehen von einer eventuellen Bewertung durch den Presserat werden sich die Leser der LN fragen dürfen, wie „überparteilich“ und erst recht „unabhängig“ (vor allem von wirtschaftlichen [Eigen]Interessen) das Blatt tatsächlich ist.